Wagner revisited – Im TV

ZDF-Kultur – Wagner: Der Ring 1-4, am 7.8.2014

Bayreuther Festspielhaus

Das Festpielhaus in Bayreuth

Richard Wagner und das Fernsehen sind nicht füreinander gemacht. Eine Gesamtaufführung vom Ring des Nibelungen verschlänge dann auch gleich vier volle TV-Abende. Normalerweise kann man also im TV thematisch bestenfalls oberflächlich ein wenig an Wagners riesenhaftem Oevre kratzen. Nun sollten es aber gleich vier einstündige Sendungen richten, je eine pro Abend der Tetralogie. Vielleicht gar kein so schlechter Appetizer für den Interessierten, der einen Zugang sucht. Die Schwierigkeit, sich dem Werk ganz ohne Einführung zu nähern, wurde dann auch gleich in der Sendung von Udo Bermbach thematisiert. Was wurde noch geboten?

Als „übliche Verdächtige“ waren Christian Thielemann, Elke Heidenreich als Handlungserzählerin, und der pianistische Wagnererklärer Stefan Mikisch zu sehen. Mikisch spielte mit großer Könnerschaft einige Transkriptionen auf einem klanglich erfreulich druckvoll eingefangenen Steinway. Schade, dass es in Sachen Bildqualität nur grieselige Normalkost und kein klares HD gab.

Das eigentlich Bemerkenswerte für mich war die Verwendung von Beispielszenen aus verschiedenen Ring-Produktionen. Das ermöglichte eInen unmittelbaren und mühelosen Vergleich von Wirkung und Musik, begleitet durch teilweise erhellende Kommentare aus den Interviews. Im Einzelnen waren dies:

  • der Bayreuther JahrhundertrIng (1976-1980) von Patrice Cherau, mit Pierre Boulez
  • Harry Kupfers Ring aus den 90ern, ebenfalls Bayreuth, mit Daniel Barenboim
  • Sevilla 2007-2009, Inszenierung von La Fura dels Baus, musikalische Leitung Zubin Mehta
  • und die Produktion der Wiener Staatsoper 2011, dirigiert von Christian Thielemann

Die Wiener Produktion ist dabei szenisch bestenfalls nichtssagend, umso interessanter aber die gezeigte Probenarbeit von Thielemann. Schon diese lohnte das Ansehen.

Cheraus Konzept, Wagners verklausulierte Kapitalismuskritik in die zeitlich nicht allzu weit entfernte erste industrielle Hochphase zu verlegen, ist nach wie vor absolut zwingend. Die bis ins kleinste Detail durchkomponierten Bilder funktionieren mühelos und selbstverständlich. Ich gestehe hier eine gewisse persönliche Voreingenommenheit ein. Schließlich bin ich durch diese Inszenierung und ihre Ausstrahlung als Aufzeichnung im TV überhaupt erst zu Wagner und den Operngenre an sich vorgedrungen. Aber auch mit zeitlichem Abstand kann man sich diesem meisterhaften Theater nicht entziehen.

Harry Kupfer erkenne ich immer an der Personenführung. Es gibt keinen anderen Regisseur der Sängerdarsteller und Chorsänger so selbstverständlich und richtig agieren lässt. Die Darsteller sind keine statische Bühnenstaffage, sondern bewegen sich sehr menschlich und natürlich. Das ist sehr ungewöhnlich für solche große Opernproduktionen, aber bestimmt in Wagners SInne.

Alles was ich bisher aus Sevilla von La Fura dels Baus RIng-Produktion im Science-Fiction-Stil gesehen habe, hat mir großen Spaß bereitet. Kein aufgesetzter Zirkus, sondern voller verbüffender Einfälle. Auch die musikalisch zupackende Gestaltung Zubin Mehtas wusste zu gefallen.

Für den schönsten Opernmoment der ganzen Sendung sorgt dann ein Ausschnitt aus Harry Kupfers Götterdämmerung. Hagen ruft die Gibichsmannen. Wieder ein dynamisches und lebendiges Tableau. Beim Hören ist dann sofort klar, warum der Chor der Bayreuther Festspiele immer wieder als einer der Welt besten Chöre bezeichnet wird. Alles vibriert mit einer solchen Kraft und Präzision, dass jede intellektuelle Wertung zurückstehen muss. Das ist Musiktheater.

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